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Quintessenz.
Wofür es sich zu leben lohnt
1.

1.    Katholische Kindheit und Jugend in meiner rheinischen Heimat

 

Mein Elternhaus war für mich eine emotional warme Welt. Mein Vater war Schneider und die dörfliche Welt schwappte täglich zu ihm in seine Werkstatt. Meine Mutter organisierte Exerzitien für die Frauen der Gegend. Das Dorf war in unserem Haus immer präsent. Alles, was an gelebten Leben in unserem mittelgroßen rheinischen Dorf passierte, wurde kommentiert und mit Bauernschläue psychologisch gedeutet.

Im Mittelpunkt des Dorflebens stand die schöne alte Kirche mit einem wundervollen gotischen Altar. Die Veranstaltungen der Gemeinde waren zentraler Mittelpunkt des Lebens. Die Gottesdienste waren in den ersten zehn Jahren noch nach altem Ritus. Oft war ich als Messdiener dabei, war fasziniert – insbesondere in den Messen frühmorgens – von einer oft besonderen und geheimnisvollen Atmosphäre. Das Kirchenjahr mit seinen rituellen Höhepunkten und starken Symbolbildern bestimmte stark unser emotionales Leben. Dazu kam die jährliche Karnevalzeit, die unsere rheinische Heiterkeit während des Jahres bündelte und auf einen Höhepunkt brachte. 

Insbesondere die Musik war es, die von Kind an eine besondere Rolle spielte. Im Kirchenchor, und bis zur Pubertät auch als Solosänger mit einer schönen Sopranstimme, kam ich mit herz-erwärmender klassischer Kirchenmusik in Verbindung. Ich ahnte wohl schon damals, dass Musik eine tiefergreifende Seelensprache spricht.

Die Kirchengemeinde hatte Kontakt zu einem Missionar in Brasilien, einem Sohn unserer Gemeinde und Jungendfreund meines Vaters. Seine Heimatbesuche (auf dem Wege zum Konzil in Rom brachte er sogar einmal seinen Bischof mit) gaben uns ein Gefühl der Verbundenheit mit der großen, weiten Welt.

 

Zudem gab es Kontakt zum Benediktinerkloster Trier. Mönche und der damalige Abt von dort kamen zu Predigtreihen, die beeindruckten. Mit dem Abt konnte ich als 18jähriger nach Rom reisen, wo durch den Vatikan mir das Großartige der Weltkirche vor Augen geführt wurde. Als dieser Abt als Klosterleiter des Benediktinerklosters in Jerusalem  eingesetzt wurde, konnte ich dort ein Praktikum machen und die Texte und Bildsprache des Alten Testaments in Jerusalem vertiefend erfahren.

 

Fazit:  In den ersten 20 Jahren meines Lebens lebte ich  geborgen im katholisch-christlichen Mythos. Ich erlebte aber auch, dass der Mikrokosmos meines Dorfes einen Makrokosmos als Gegenüber hatte: unsere kleine Dorfwelt und die große weite Welt. Pflichterfüllung, Gottesdienst und Heiterkeit waren die Sinnelemente, wofür es sich unhinterfragt lohnte zu leben.

2.

2.    Soziales Engagement

Zum Studium der Sozialarbeit verließ ich mein Dorf und ging nach Köln. Die Dynamik der 68er Bewegung beeinflusste das Studium sehr stark. In vielen Diskussionen wurden viele soziale Fragen auf neue Weise angesehen. Auf dem Hintergrund meiner katholischen Erziehung wuchs ich in die soziale Arbeit hinein und engagierte mich vielfältig.  Zuerst im Bildungsbereich mit Jugendlichen, dann arbeitete ich in einem Jugendgefängnis. Die Arbeit dort und die Auseinandersetzung mit der dunklen Seite der Seele war sehr intensiv für mich und katapultierte mich aus meiner damaligen jugendlich-naiven Weltsicht heraus.

Dies brachte mich in eine psychoanalytische Gruppentherapie, in der ich über alle aufgeworfenen Fragen und über all das, was die soziale Arbeit mit mir machte, vertieft reflektieren konnte.  Hier begann mit Anfang 20 meine eigene Selbsterfahrung, die später noch viel Raum einnehmen sollte.

Es wurde mir klar, dass ich noch Psychologie studieren wollte, nicht zuletzt, um die in der Gefangenenarbeit aufgeworfenen Grundfragen vertiefter weiter verfolgen zu können. Neben dem Studium war ich weiter sozial tätig aktiv. Studium und Sozialarbeit sowie Beziehungssuche und -finden füllten damals mein Leben.  Nach Ende des Studiums arbeitete ich als Diplom-Psychologe in der Kölner Erziehungsberatungsstelle.  Bei einer Fortbildungsveranstaltung in Stuttgart kam ich mit dem Sandspiel von Dora Kalff  in Kontakt. Die Auseinandersetzung und Arbeit mit dem Sandspiel, den Fantasiebildern der Kinder mit ihrer beeindruckenden Symbolsprache haben mich damals für die Seelenhintergründe menschlichen Verhaltens wach gemacht.

Im Nachhinein betrachtet war die Kölner Zeit eine goldene Zeit in meinem Leben.  Sie war von Suche nach Liebe und gelingender Partnerschaft, Studium und sinnvoller sozialer Arbeit geprägt. Ein Dreiklang, der für mich damals viel Sinn machte.

3.

3.    Begegnung mit der Tiefenpsychologie C. G. Jungs

Als Psychologiestudent hatte ich einen beeindruckenden Traum, der mich sehr beschäftigte. Im Traum fiel Feuer vom Himmel. Ich versuchte mich zu schützen und mit einem alten Mann zusammen die herabgefallene Glut beiseite zu schaufeln.  Der Psychoanalytiker, der meine Gruppentherapie leitete, sprach von einem archetypischen Traumbild. Der Begriff „Archetypus“ führte mich schließlich zur Psychologie C.G. Jungs.

An der Universität Bonn hörte ich Vorlesungen zu Jungs Analytischer Psychologie. Ich war begeistert von Jungs Ideen und seinen Vorstellungen zur Psyche des Menschen, und ich blieb schließlich dabei, las bis auf die damals mir zu schwierigen Alchemiebücher fast alles aus dem Gesammelten Werk.

Ergänzt wurde das Lesen der Jungschen Werke durch die Erfahrung mit dem Sandspiel. Eigene Selbsterfahrung mit dem Sandspiel, aber insbesondere die vielen Bilder, die die Kinder in der Erziehungsberatungsstelle bauten, machten mir die Symbolsprache der Seele deutlich, und ich bekam eine kleine Ahnung von der archetypischen Dimension der Psyche.  Jedenfalls wurden mir die Sandbilder zum starken Erlebnis.  

Ich hatte damals das Gefühl, dass durch Jungs Werke, seine Ideen und durch sein breites philosophisches Wissen, ich etwas vom Ausspruch von Goethes Faust „Wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält“ erahnen könnte.

Schweren Herzens nahm ich schließlich von meinem Leben und Arbeiten in meiner  geliebten Wahlheimat Köln Abschied und ging nach Stuttgart, um am C.G. Jung-Institut zu studieren. Da ich vom Institut vorerst keine Studienplatzzusage hatte, war der Umzug ein großes Wagnis, und mit viel Unsicherheit fing ich in Stuttgart mein neues Leben an.

Zum Glück kam ich bald in Kontakt mit der damaligen grande dame des Jung-Instituts Frau Dr. Ursula Eschenbach, zu der ich in Lehranalyse ging, und somit kam   ein intensiver und langer Selbsterfahrungsprozess auf den Weg.

Fast 10 Jahre konnte ich mit meiner Lehranalytikerin all das reflektieren, was ich in der Ausbildung am Institut erfuhr, was ich in meinen Studien in Jungs Werken erlas und was an Fragen in den Patientenbehandlungen und in meinem persönlichen Leben sonst an Fragen aufkam.

In der Kandidatenzeit wuchs ich dann in die analytische therapeutische Arbeit hinein, und ich lernte, Menschen in ihren analytischen Prozessen zu begleiten.

Diese 10 Ausbildungsjahre am Jung-Institut waren für meine Persönlichkeitsentwicklung sehr intensiv und prägend. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten der Analytischen Psychologie (AP) und deren Anwendung in den analytischen Begleitungsprozessen, gaben mir auf diesem Wegabschnitt meines Individuationsprozesses ein starkes Gefühl von Sinnhaftigkeit.

4.

4.    Missionarischer Eifer mit eigener Vertiefung

Nach der Ausbildungszeit in Stuttgart wollte ich gerne in meine Heimat nach Köln zurück. Ich kam auf den Gedanken, in Köln eine jungsche Dependance oder ein Institut zu gründen. Es zeigte sich, dass an Institutsgründung aus vielen Gründen nicht zu denken war. Es gab in Köln bereist eine kleine Gruppe von SozialarbeiterInnen, meist aus Beratungsstellen, die über Fortbildungen zum Sandspiel die Ideen der AP kennengelernt hatten.

Mit Ihnen zusammen gründeten wir eine C.G .Jung-Gesellschaft Köln e. V., an dem alle an der Jungschen Psychologie Interessierten an Vorträgen, Seminaren und Fortbildungen teilnehmen konnten.  Mit großer Begeisterung gingen wir in Köln ans Werk. Schnell hatte die neue Gesellschaft über 300 Mitglieder.

 

Ich machte die Erfahrung, dass im Großraum Köln sehr viele Menschen an der jungschen Tiefenpsychologie interessiert waren, und ich bekam das Gefühl, dass hier eine wichtige Aufgabe auf mich wartete. In dieser Zeit träumte ich: „In der Küche meines Elternhauses (in der Nähe von Köln) saßen und standen viele Dorfbewohner. C.G. Jung saß am Küchentisch  und sprach über seine Psychologischen Ideen.“  Was mich schon im Traum wunderte war, dass alle konzentriert zuhörten, wobei dies nicht unbedingt die Art meiner rheinischen Landsleute ist. Ich verstand aus diesem Traum, dass es lohnte, die AP auch Nichttherapeuten, also allgemein psychologisch Interessierten, zu vermitteln.

Mit der Zeit entwickelte ich einen starken missionarischen Eifer, machte in Köln unzählige Seminare und hielt Vorträge. Ich schrieb ein kleines Buch zum Traumverstehen und ein allgemein verständliches Lehrbuch über die Konzepte der der AP. Zudem unterstützte ich viele Neugründungen von Jung-Gesellschaften in deutschen Städten und schließlich die gute Idee, dass sich alle deutschsprachigen Junggesellschaften einmal im Jahr treffen und austauschen. Es waren ca. 14 Gesellschaften, oder man könnte auch sagen „Freundeskreise“, für die Jungsche Psychologie entstanden. Alle fühlen sich der Idee verpflichtet, die Konzepte und den Wissensschatz der AP unter die Leute zu bringen.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich ganz persönlich viel Gewinn von diesem missionarischen Tun hatte. Die Konzepte musste ich intensiv erarbeiten und gedanklich durchdringen, um sie anderen verständlich mitteilen zu können. Ich glaube, dass ich bei vielen Seminaren und Vorträgen selbst am meisten profitierte, da ich in immer neuen Formulierungen den Inhalten vertieft näher kam und sie persönlich für meinen Individuationsweg wirksam werden lassen konnte.

Als es zu meinem vieljährigen Bedauern nicht gelang, nach Köln zurück zu siedeln, wurde ich in Stuttgart am Jung-Institut aktiv und übernahm schließlich für acht Jahre den 1. Vorsitz des Instituts. Auch hier kam meine missionarische Intension zum Tragen. Mit einem sympathischen und fähigen Kollegenteam schafften wir es, das Jung-Institut zukunftsfähig zu machen. Als sogenanntes großes Ausbildungsinstitut mit zur Zeit mehr als 110 Ausbildungskandidaten können wir davon ausgehen, dass die Konzepte, Methoden und Haltungen der AP im Diskurs der Therapiekonzepte für die Zukunft bleiben.

Auch diese 10 Jahre meines engagierten Arbeitens für das Jung-Institut habe ich als sehr wertvoll empfunden. Es machte mir Freude zu sehen, dass die Ideen der jungschen Psychologie auch für junge Menschen in ihr Denken integrierbar sind und viele mit der Basis der AP zu einfühlsamen und klugen Therapeuten und Analytiker wurden.

Persönlich habe ich das Gefühl, dass diese Dekade meines Lebens sehr erfüllt waren von verantwortungsvoller Tätigkeit. Unzählige Patienten profitierten vom Therapieangebot unseres Ausbildungsinstituts und der bei uns Ausgebildeten, und sie werden das auch in Zukunft tun.

Im Rückblick kann ich sagen, dass das vielfältige Engagement für das Institut in Verbindung mit der Vertiefung der Erkenntnisse von Jungs tiefenpsychologischer Lehre eine Zeitspanne meines Lebens war, auf die ich durchaus mit Stolz zurückblicke.  

5.

5. Zum Schluss

Zum Abschluss meiner Betrachtungen muss ich noch erwähnen, dass ich von Anfang an besonderes Interesse an Jungs religionspsychologischen Ideen hatte. Dabei haben mich insbesondere seine Gedanken zu Gottes dunkler Seite sehr inspiriert. Durch intensive Auseinandersetzung habe ich versucht,  für meine persönliche Spiritualität Gewinn zu ziehen.

Es scheint mir heute so, als ob ich durch mein Engagement für die Analytische Psychologie persönlich viel erfahren habe. Ich war sehr begeistert für die Inhalte und Sichtweisen der AP,  habe  Jungs Werke intensiv studiert und dann versucht, das Erkannte weiterzugeben. Begeisterungsfähigkeit scheint mir ein wirklich guter Lebensbegleiter!  Ich glaube auch, dass ich durch meine emotionale Herangehensweise viel Wissen in meiner Persönlichkeit verankern konnte. Ich würde mich freuen, wenn das erfahrene Wissen sich zu so etwas wie einer „kleinen Altersweisheit“ verdichten würde.

Neben dem hier im Fokus stehenden beruflichen Werdegang gab es in meinem Leben viele Reisen, insbesondere unzählige Aufenthalte im wunderschönen Südnorwegen.  In einem kleinen Haus mit Boot konnte ich das Meer und ruhige Natur erfahren. Daneben gab es viele Reisen in den Orient, den ich sehr mag und wovon ich viel Inspiration für mein Leben erhielt und noch weiter erhalte. Jedenfalls schien und scheint es mir sehr wichtig, neben der Beschäftigung mit so vielen psychologischen Problemen meiner Patienten privat ein möglichst buntes Leben zu leben.

Auch die Musik hat, nach den Anfängen in meiner Kindheit in meinem Leben, immer eine große Rolle gespielt. Musik hat mich begleitet und neuerdings organisiere ich kleine Konzerte auf  Palliativstationen. Ich erfahre dabei, wie sehr Musik Menschen berührt und archetypische Emotionalitäten aufruft  und wie sehr sie bereichern kann.

Wenn ich die Frage aufnehme, ob mein bisheriges Leben gelohnt hat, so muss ich sagen, dass ich als Lohn Momente von Zufriedenheit, warmer Heiterkeit und ein gutes Gefühl für meine Mitmenschen und Umwelt empfinde.

Ich lernte in meiner Kindheit: Der Mensch braucht Ziele. Heute gefällt mir die Idee, dass das Ziel des Lebens sein könnte, ein Leben gelebt zu haben, was sich rundet.  Das heißt für mich, auf meinem Individuationsweg zu einem Gefühl eines erfüllten Lebens zu gelangen. Hierbei kann es natürlich nur ein „auf dem Wege sein“ geben.  Es gibt noch so Vieles zu erleben, zu erfahren, zu integrieren und zu lieben.

​Zum Schluss, bezogen auf diese Zielidee, folgendes Jung-Zitat:

„Das Ziel ist nur als Idee wichtig, wesentlich aber ist das Opus,

das zum Ziel führt. Es erfüllt die Dauer des Lebens mit einem Sinn.“

C. G. Jung

Mit freundlicher Genehmigung des Opus Magnum Verlages

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